Unterwegs am Wiener Wallfahrerweg

Von den Toren Wiens nach Mariazell: Eine Pilgerreise durch Niederösterreich

Der Mostviertler Autor Ernst Merkinger über das „Meditieren mit Füßen“, seine Erfahrungen verschiedener Pilgerreisen und die Vorzüge des Wiener Wallfahrerweges.

Mit Füßen „meditieren“
Pilgern oder, wie ich es gern nenne, „Meditieren mit Füßen“ ist en vogue. Die Motive könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die einen Fettpölsterchen verbrennen wollen, sind die anderen auf Sinnsuche, nehmen sich eine längst überfällige Auszeit vom alltäglichen Hamsterrad, bevor das Burn-out sie heimsucht, oder – und das ist nach meinen Pilgererfahrungen ein eher seltenes Motiv – machen sich auf, um ihren religiösen Durst zu stillen.

Allein im Jahr 2019 sind 380.000 Pilger die weltbekannten spanischen Jakobswegrouten (Camino Frances, Camino Ingles, Camino Norte) gegangen – das sind um 18 Prozent mehr als 2018.

Ruhe finden
Wer ruhigere Wege sucht und in Zeiten der Klimakrise nicht in den Flieger steigen möchte, der ist am Wiener Wallfahrerweg 06 von Perchtolsdorf bzw. Wien-Rodaun nach Mariazell wirklich besser aufgehoben. Vor den Toren Wiens in Perchtoldsdorf befindet sich der Ausgangspunkt des Wiener Wallfahrerwegs. Er führt nach Mayerling, Kaumberg, Rohr, St. Aegyd/Neuwalde bis zum 115 Kilometer entfernten Mariazell.

Wer die Gemütlichkeit in Person ist, kann statt in fünf in sechs Tagestouren durch üppige Mischwälder und Wiesenfelder, vorbei an historischen Orten den gut markierten Weg entlangpilgern. Das Stift Heiligenkreuz, der Unterberg (mit 1.342 Metern Seehöhe der höchste Punkt der Wanderung), der Hubertussee oder die Basilika in Mariazell sind Orte, an denen es sich besonders gut innehalten lässt, um der Seele wieder die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und zu hören, wohin der innere Weg in Zukunft führen soll.

Ausdauer beweisen
Aber Vorsicht: Die täglichen Etappen sind keineswegs leichte „Spazierwegerl“. Pro Tag ist ein Pensum von 25 bis 30 Kilometern zu bewältigen, insofern ist eine entsprechende Ausdauer erforderlich. Sofern Bequemlichkeit gewünscht wird, kann ein Gepäcktransport in Anspruch genommen werden.

Dank der zahlreichen Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten empfiehlt es sich, Gusto mitzubringen. Vom gemütlichen Mostheurigen über den kleinen Familienbetrieb bis hin zum komfortablen Hotel ist für alle Ansprüche was dabei, sodass die Askese kurz Pause macht und der Genuss zum Zug kommt.

Seelenpausen gönnen
Für Tagesetappen, an denen die Einkehrmöglichkeiten nicht so zahlreich sind, wird die Mitnahme von „Bschoard“-Packerln empfohlen, die man morgens beim Gastgeber erwerben kann.

Seelenpausen haben wir in der sich immer schneller anfühlenden Zeit, ausgelöst durch die Dichte an Terminen, WhatsApp-Nachrichten und News, alle nötig. Deshalb empfehle ich, das Handy während der Pilgerreise ausgeschaltet zu lassen. Den Wetterbericht kann man auch am Vortag beim „Hospitalero“ – so werden am spanischen Pilgerweg Personen genannt, die eine Pilgerherberge betreuen – erfragen.

Begegnungen schätzen
Egal ob Zahnärztin, Segler oder Sozialarbeiter, ich habe sehr viele höchst unterschiedliche Menschen am Weg getroffen. Sie alle haben inspirierende Spuren in meinem inneren Garten hinterlassen. Wegen dieser Beseelung kann es dazu kommen, dass das Pilgern keine einmalige Angelegenheit bleiben wird. Hat man einmal einen Pilgerweg absolviert, wird der nächste gewiss bald folgen. Ich spreche nach mittlerweile über 4.000 Pilgerkilometern aus Erfahrung.

Ernst Merkinger ist gebürtiger Mostviertler, Autor, Blogger und begeisterter Pilger.

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