Über die Via Sacra Richtung Rom

Reisebericht

Am 31. Mai ist wieder eine Gruppe Schnupperpilgerinnen von Lilienfeld kommend glücklich in Mariazell angekommen. Diese Pilgerwanderung war allerdings eine besondere - genauso wie das Schnupperpilgern unmittelbar davor von Rodaun nach Lilienfeld. Beide Wanderungen standen unter dem Motto "Romea Strata - über die Via Sacra unterwegs Richtung Rom". Die Romea Strata ist ein Netz aus Pilgerwegen, auf denen seit Jahrhunderten Pilger von den Baltischen Staaten, Polen, der Tschechischen Republik, Österreich und Norditalien Richtung Rom unterwegs sind. 2018 wurde der internationale Verein "AERS - Associazione Europea Romea Strata" gegründet, der sich das Ziel gesetzt hat, diese alten Pilgerwege zu vernetzen und wieder in Erinnerung zu rufen. Der Pilgerverein Via Sacra mit Unterstützung des Mostviertel Tourismus war Gründungsmitglied der AERS und engagiert sich von Beginn an für die Belebung des Pilgerwesens entlang der historischen Route und unterstützt den Verein bei allen Aktivitäten, die notwendig sind, um die Romea Strata im Herbst 2022 beim Europarat zur Zertifizierung als Europäische Kulturstraße einzureichen.

Die erste große gemeinsame Aktion der beteiligten Pilgerwege war schon für das Frühjahr 2020 geplant und musste aufgrund der Pandemie um ein Jahr verschoben worden: die internationale Pilgrimage Promotion Tour.

Mitte Mai war es nun soweit: um die Romea Strata als historische Pilgerroute und zukünftige Kulturstraße bekannt zu machen, organisierten die Mitgliedsvereine aus Polen bis Norditalien ein "Staffelpilgern" von Krakow bis Aquileia. Zwar konnten aus pandemiebedingten, organisatorischen Gründen nicht wie ursprünglich geplant Pilger aus allen Ländern mitgehen, doch fanden sich auf jedem Abschnitt unterschiedliche Gruppen, die an den jeweiligen Etappenzielen ihre Pilgerstäbe an die nächste "Staffel" weitergaben.

Christa Englinger, Pilgerbegleiterin und Vizepräsidentin der AERS, nutzte die Gelegenheit, um auf der Via Sacra ihr seit Jahren beliebtes "Schnupperpilgern" anzubieten. Gemeinsam mit dem Mariazeller Pilgerbegleiter Josef E. Ganser war sie schon an der tschechischen Grenze bei Kleinschweinbarth gestartet und über den Jakobsweg Weinviertel, sowie je eine Etappe des Martinusweges und des Jakobsweg Wien über Stockerau und Korneuburg nach Rodaun gekommen. Sie berichtet begeistert von den Erlebnissen auf der Via Sacra bzw. der ersten Etappe des Wiener Wallfahrerweges:

"Am Mittwoch, den 26. Mai pilgerten wir mit der ersten Schnupperpilgergruppe von Rodaun Richtung Lilienfeld los. Zur Freude aller bei strahlendem Sonnenschein - nachdem es der Wettergott bei der Staffel durchs Weinviertel mit Josef und mir leider nicht so gut gemeint hatte... Nach einem wunderschönen und entspannten Pilgertag durch den Wienerwald wurden wir am Nachmittag in Heiligenkreuz von Pater Sebaldus empfangen, der uns durch die Stiftskirche und den Kreuzgang führte und uns einen Pilgersegen erteilte. In der Höldrichsmühle genoßen wir ein fürstliches Abendessen und komfortable Zimmer, von denen andere Pilger nur träumen können! Am nächsten Tag ging es weiter über den Hafnerberg ins Triestingtal und nach Kaumberg. Dort wartete das nächste Highlight:

Am Abend wurden wir vom Bürgermeister sowie Vertretern des Wienerwald Tourismus und einiger Gemeinden auf der Araburg empfangen, köstlich bewirtet und durch die vor Kurzem neu hergerichtete Burgruine geführt.

Wir können nur allen Pilgern empfehlen, bei der Araburg nicht nur vorbeizuwandern, sondern unbedingt auch einen Blick hinter die Burgmauern zu werfen.

Nach einer erholsamen Nacht im Seminarhotel Brandtner pilgerten wir weiter Richtung Hainfeld. Der Höhenweg zwischen der Araburg und Hainfeld gehört für mich zu einer der landschaftlich schönsten Strecken der Via Sacra: Der Blick ins Alpenvorland und ins Gölsental ist wunderbar! Auch in Hainfeld wartete eine angenehme Überraschung: Der Bürgermeister und Gemeindevertreter verabschiedeten uns am Bahnhof und gaben uns einen Flachmann mit für Pilger unentbehrlicher Kräftigung für den weiteren Weg mit. Am Bahnhof? Ja, ich gestehe, wir haben ein Stück des Weges mit dem Zug zurückgelegt ... Da wir nur drei Tage Zeit für die Strecke von Rodaun bis Lilienfeld hatten und das Schnupperpilgern mehr ein genussvolles Entschleunigungsprogramm als eine sportliche Herausforderung sein soll, kürzten wir den Weg ab. Was den zusätzlichen Vorteil hatte, dass wir die Gelegenheit bekamen, auch der Kirche von St. Veit/Gölsen einen Besuch abzustatten. Wir fuhren also von Hainfeld nach St. Veit. Dort warteten am Bahnhof schon Vertreter der Gemeinde und begleiteten uns zur Kirche - dem "Dom des Gölsentales", wo wir mit einer äußerst spannenden Führung - und nachher noch mit Getränken und Süßigkeiten - verwöhnt wurden. Soviel ich bemerkt habe, hat es niemanden besonders gestört, dass wir auch nachher wieder ein Stück mit dem Zug gefahren sind ... Aber natürlich nicht gleich bis zu unserem Etappenziel Lilienfeld, das wäre dann doch zu bequem gewesen! Wir pilgerten die letzten eineinhalb Kilometer von Marktl zum Stift, das als geistig-kultureller Treffpunkt des Traisentals eine würdiges Pilgerziel darstellt. Nach einem Empfang durch Abt Pius sowie Vertretern der Stadt und der Region nahmen wir an einer Pilgermesse teil, im Rahmen derer jede Pilgerin und jeder Pilger von Abt Pius eine Lilienfelder Pilgerlilie überreicht bekam. Gestärkt durch ein kleines Abendessen im Gästespeisesaal des Stiftes wurden wir zum Abschluss noch von Abt Pius durch das nächtliche Stift geführt - immerhin waren wir genau zur "Langen Nacht der Kirchen" hier!

Kaum waren am Samstag, den 29. Mai die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Gruppe Richtung Heimat abgereist, kam schon die nächste Gruppe an, die diesmal aus lauter fröhlichen Damen bestand.

Wir besuchten gemeinsam den Kreuzgang und stimmten uns in der Kirche auf den Pilgertag ein, bevor wir uns im Gasthof Ebner den nötigen Energieschub für den Weg nach Türnitz holten. Ich muss gestehen, dass ich nach den Schlechtwetterabenteuern im Weinviertel recht angeschlagen und ohne Stimme war - weshalb ich Josef mit der Gruppe losschickte und diese Etappe mit dem öffentlichen Bus bewältigte ... Ein herzliches Dankeschön für Josefs großartige Unterstützung! Abends trafen wir einander im Haus Karner, wo Herr Karner schon mit seinem berühmten Mostbratl auf uns wartete - das richtige Kraftessen nach dem Pilgern!

Sonntagfrüh waren wir in Türnitz zu einer kurzen Morgenandacht in der Pfarrkirche eingeladen. Die Schnupperpilgerinnen und Josef wurden dann von einer kleinen Gruppe pilger- und wanderfreudiger Türnitzer Richtung Falkenschlucht begleitet, während ich in Annaberg auf die Ankunft der Pilgerinnen wartete. Leider versäumte ich dadurch ein kleines Türnitzer Volksfest beim Eingang zur Falkenschlucht - einem der landschaftlichen Highlights unseres Pilgerweges, das zwar nicht direkt an der Via Sacra liegt, aber meines Erachtens einen kleinen Umweg wert ist! Die Gemeinde Türnitz hat unsere Pilgerinnen tatsächlich mit Getränken und einem kleinen Imbiss versorgt. Was das wohl für Getränke waren? Es kamen jedenfalls alle sehr gut gelaunt in Annaberg an ... Hier wurden wir wiederum von der Bürgermeisterin und Pfarrer Pater Justin empfangen, durch die Kirche geführt und nach einem Besuch beim Bildnis der Anna Selbdritt mit einem Pilgersegen gestärkt. Am Abend sang im Gasthof Meyer - wo man übrigens ein besonders großes Herz für Pilgerinnen und Pilger hat -  noch der Tannberger Viergesang für uns und Petra Zeh, die Annaberger Obfrau des Pilgervereins Via Sacra setzte sich zu unserer gemütlichen Runde. Am Montag wartete dann die letzte Etappe nach Mariazell auf uns: der Pilgerweg über die "Heiligen Berge" Joachimsberg und Josefsberg, eine wunderschöne Wegstrecke, immer mit dem Ötscher im Blick. Zu Mittag kamen wir nach Mitterbach und wurden auch hier wieder vom Bürgermeister empfangen und vom Tourismusobmann mit einem Sterz vom Grill am Dorfplatz verköstigt. Hier stieß auch eine zweite Pilgergruppe aus dem westlichen Mostviertel zu uns und gemeinsam ging es weiter über den Sebastianiweg nach Mariazell.

Wenn wir schon entlang des ganzen Weges überall so herzlich empfangen und gastfreundliche verköstigt wurden, so durfte die Ankunft in Mariazell dem natürlich nicht nachstehen! Der erste Weg führte uns zum Mariazeller Pilgerladen von Hermine Butter, wo es den Pilgerstempel gibt und wir auch unsere Pilgerurkunden sowie ein kleines Geschenk des Hauses in Empfang nehmen konnten. Auf den letzte Metern begleitete uns schon eine Pilgergruppe aus Kärnten, welche die Romea Strata-Promotion Tour von Mariazell nach St. Lambrecht weitergehen wird. Gemeinsam zogen wir unter Glockengeläute und zu den Klängen eines Bläserquartetts zur Basilika. Hier begrüßten uns wieder Vertreter der Kirche, der Stadt und des Tourismusverbandes und wir konnten die drei Pilgerstäbe - einen aus Polen, einen aus Tschechien und einen aus Mariazell -, die Josef und mich von der tschechischen Grenze bis hierher begleitet hatten, feierlich an die nächste "Pilgerstaffel" übergeben. Wir hatten auch ein "Pilgerbuch" mit, in das entlang des Weges viele Menschen Gruß- und Segensbotschaften eingetragen hatten. Dieses Buch wurde ebenfalls weitergereicht und jetzt wird es die Kärntner Gruppe auf dem Mariazeller Gründerweg begleiten. Als feierlichen Abschluss gab es noch eine gemeinsame Pilgermesse mit Pater Sebastian - gefolgt natürlich von einer fröhlichen Einkehr in den Mariazeller Gasthöfen.

Meine anfänglichen Bedenken, ob sich denn "Schnupperpilgergruppen" mit unserer Romea-Strata-Promotion-Tour gut vereinbaren lassen würden, haben sich sehr schnell zerstreut. Kein Wunder, wurden wir doch überall sehr herzlich empfangen und bestens verköstigt und verwöhnt! Zwischendurch waren trotzdem lange Wegstrecken der stillen Einkehr und des Naturgenusses möglich, so dass auch diesem Pilgerwunsch entsprochen werden konnte. Alles in allem waren es sehr erfüllte, erlebnis- und erkenntnisreiche Tage, die uns allen noch lange in Erinnerung bleiben werden. Die Pilgerinnen und Pilger haben nicht nur den Weg nach Mariazell kennengelernt, sondern auch erfahren, dass Mariazell nicht des endgültige Ziel sein muss, sondern dass sie auf der neuen Romea Strata immer weiterpilgern können - bis nach Rom. Auch den netten Menschen und Gastgebern entlang des Weges ist bewusst geworden, dass sie nicht nur an der Via Sacra - dem bedeutendsten historischen Pilgerweg Österreichs -, sondern auch an der wiederentdeckten Romea Strata leben, die bald als Europäische Kulturstraße ausgezeichnet werden soll. Ein herzliches Dankeschön an alle, die uns in diesen Tagen willkommen geheißen und unterstützt haben, an alle, die ein Herz für Pilger haben und die sich auch in Zukunft für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Pilgerweges einsetzen wollen!

All ihnen und allen Pilgerinnen und Pilgern wünsche ich "An guadn Weg!" oder - wie man weiter im Süden Richtung Rom sagt - "Buon cammino!"

Eure Christa Englinger
Pilgerbegleiterin
Pilgerverein Via Sacra * Associazione Europea Romea Strata